Panigale 959: Die rote Prinzessin Teil 2 (Fahrbericht)

Fahrbericht zur Ducati Panigale 959
In Teil 1 habe ich die 959 vorgestellt. Hier gibt’s nun Teil 2 des Berichts und einen intensiven Eindruck in den Fahrbericht mit der roten Prinzessin. Es geht über Autobahn und Landstraße von Neuss in den Niederrhein und wieder zurück. Autor & Fotos: Tobias Vögerl.
Was mir vom Ducati-Parkplatz runter zuerst auffällt: Die rote Prinzessin vermittelt beim vertrautmachen und hin- und herwedeln ein sagenhaftes Gefühl für das Vorderrad. Auch ist die Sitzposition für meine 1,82 m (86 kg) erstaunlich bequem und viel besser, als erwartet. Aber erstmal schnell aus Düsseldorf raus und die Panigale neben meiner S1000RR in die heimische Tiefgarage gesteckt. Die Wolken sind nämlich dunkler geworden und ich möchte aufgrund meiner Alltagskleidung nicht nass werden.

Motorradverrückter Typ, der Autor.

Als fest steht, dass es keinen weiteren Regen geben wird, geht’s natürlich sofort wieder auf’s Bike. Ich treffe mich mit Irene Seidler von Heels on Wheels für ein Foto-Shooting. Die Heels on Wheels sind Bikerinnen, die sich für wohltätige Zwecke einsetzen. So wurden bereits mehrere tausend Euro für die verschiedensten Projekte gesammelt. Kurz vor unserem Treffpunkt sehe ich Irene schon. Noch bevor Sie mich sieht, lasse ich den Motor ein paar mal sanft knurren und es geschieht das, was die Panigale mit fast allen Mitmenschen macht: Als waschechte Knieschleiferin zaubert auch Ihr dieser Anblick und der Klang ein fettes Grinsen ins Gesicht. In meinem Beitrag zu den Italo-Days habe ich bereits Lobhymnen auf den Euro-4-homologierten Sound gesungen. Irene ist derselben Meinung: Ein unglaublich stimmiger Klang, der total zu diesem Motorrad und der Faszination Ducati passt. Besonders beim durchbeschleunigen. Wir huldigen also der neuen 2 in 1 in 2 Auspuffanlage, die dem Underbody-Auspuff der Vorgängerin Panigale 899 gewichen ist. Den gibt’s nach wie vor noch, aber ohne Straßenzulassung nur für die Renne. Warum der genau dort auch sinnvoll ist, dazu später mehr.

Schön gelöst: Neuer Auspuff, deren Krümmer durch die Verkleidung verläuft
Während dem Shooting merke ich, dass auch Irene nicht die Augen vom Bike lassen kann. Es gibt so viele Details zu entdecken: Die im Vergleich zur 899 breitere Front der 959 mit dem hübschen Blick. Oder das Heck mit den unauffälligen Öffnungen unter der Sozia-Sitzbank, die sich bis zum gekrümmten Rücklicht erstrecken. Irene gefällt besonders das elegant in die Linie eingearbeitete Federbein. Egal was man ansieht, es ist perfekt.

Elegant: Rücklicht und das geöffnete Heck
Sicht von hinten auf das Federbein

Passt zu Irene: Ducati 959
Nach unserem Shooting beschließen wir, das unverhofft gute Wetter noch zu nutzen und drehen eine kleine Runde zu unserem Bikertreff im nahegelegenen Jüchen. Die Panigale ist der CBR natürlich in allen Dingen überlegen und so fahre ich erstmal vor. Es geht auf die Autobahn, dort zeige ich der kleinen CBR, wo bei der 959 die Milch raus kommt und beschleunige durch. Kurz darauf muss ich auch schon warten, bis Irene wieder aufgeholt hat. Wahnsinn.

Irene fährt sonst auch einen heißen Reifen: Honda CBR600RR.

Gemeinsam geht’s dann mit über Tempo 200 Richtung Jüchen, diesmal fährt die CBR vor und ich folge brav. In Jüchen angekommen biete ich Irene an, die Ducati einmal selbst zu erleben. Erstaunlicherweise hat Irene so einen Respekt vor dem Bike, dass Sie es ablehnt. Sonst will Sie auch so eine, und wie sich vorhin der Motor beim Beschleunigen angehört hat, das war ein Traum, sagt Sie. Ok, verständlich. Wir trinken schnell eine Cola und schwärmen noch ein wenig vom Bike, dann mache ich mich auf den Weg nach Hause. Ich will die letzten Sonnenstrahlen noch nutzen und fahre die A540 runter und über Grevenbroich die Landstraße zurück in die Tiefgarage. Ja, das Grevenbroich, von dem Hape Kerkeling singt. 

Ganz knapp verpasst: Den Sonnenuntergang in Grevenbroich
Am nächsten Tag kommt endlich die Sonne raus. Es ist fast schon heiß und ich habe mir vorgenommen, Kilometer mit der Panigale zu machen. Zuerst nochmal über Landstraße nach Jüchen, kurz was trinken. Anschließend geht’s nach Xanten am Niederrhein. Die Ducati ist ein tolles Spaßbike. Auf der Landstraße fühlt sie sich total wohl, die BPS-Federn und das Showa-Federbein lassen nur wirklich harte Schläge durch. Sonst ist sie die Ruhe selbst und einfach wie ein Fahrrad zu fahren. Die Beschleunigung ist nichts im Vergleich zu aktuellen 1000ern, aber für Überholmanöver mehr als ausreichend. Gegner gibt es nur jenseits der 350 PS. Schneller als ich gucke bin ich in km/h-Bereichen, die mich den Führerschein kosten. Aber dafür wurde sie ja auch gemacht. Die Kraft und die Entfaltung derselbigen überfordern mich aber kein einziges mal. Ob im Hang-Off Knallgas aus der Kurve raus oder eben kurz den dicken Transporter – hinter dem ich nix sehe – überholt, erste Sahne. Die Panigale dreht zwar bis um die 12000 U/min hoch, möchte aber auch auf der Landstraße immer im richtigen Gang sein. Unter 2000 Umdrehungen ruckelt es heftig. Erst ab 3000 U/min, einem Viertel des möglichen Drehzahlbandes, wird der Motor kultiviert. Im sechsten Gang 30 km/h fahren – nicht möglich. Aber immerhin im Vierten, besser aber noch im Dritten. Das macht aber nix, der Ducati Quick Shift-Assistent hilft beim hochschalten. Und zwar nur dort. Im Übrigen lässt sich die Duc auch ohne Quick Shift sauber und butterweich schalten. Nicht einmal ging ein Gang nicht oder sprang der Neutralgang unversehens rein. Um Schloss Dyck herum gibt es tolle Kurven und die nehme ich nicht unbedingt langsam. Schade, dass die Bremsen zwar gut sind, aber etwas schwammig. Genau wie die Kupplung kommt sie erst gar nicht und dann urplötzlich. Nicht nur einmal habe ich den Motor wegen der für mich undurchsichtigen Kupplung abgewürgt. Bis ich mir angewöhnt habe, mit ungefähr 3000 U/min anzufahren. Schande über mich.

Schön anzusehen: Die breitere Front der Panigale mit der Lichteinheit. Die Ausbeute ist sehr gut.
Von Jüchen aus mache ich mich auf den Weg nach Xanten. Auf der A46 geht’s noch, auf der A57 wird es aber bis Kamp-Lintfort zäh. Der Motor erreicht so schon mal 105 Grad. Und die merke ich. Es ist eh schon heiß, dazu noch der hintere Zylinder des V2 direkt unter meinem Schoß. Unangenehm wird es auf jedem Motorrad im Stau bei den Temperaturen, auf der Panigale erreicht das leider einen Höhepunkt. Im Sitz nach hinten rutschen hilft da nur bedingt. Der ist allerdings vom Sitzgefühl her erste Sahne. Irgendwann wird die Autobahn frei und ich kann der Prinzessin im Race-Mode endlich schön die Sporen geben. Total angenehm, dass der Sitz nicht so weit nach hinten geht, wie bei meiner S1000RR. So habe ich im Tiefflug ab 160 km/h super Halt und kann mich schön hinter dem klitzekleinen Windschild verstecken. Bei 265 km/h ist allerdings Schluss. Auch bergab ging da nix mehr. Alles, was die Panigale vermittelt, scheint sie intensiv zu tun. Wirklich alles. Auf der S1000RR kommt das nicht so extrem rüber. Und so verringere ich die Geschwindigkeit wieder auf 200. Das ist für die Panigale und mich die perfekte Reisegeschwindigkeit.Bei Geldern geht es von der Autobahn runter und über den ein oder anderen Hügel Richtung Xanten. Rechts und links sind jetzt überall Bauernhöfe. Wir Superbiker assoziieren das sofort mit Dreck auf der Fahrbahn und fahren vorsichtiger. Die elektronischen Dämpfer der 959 bügeln für ein Superbike zwar sämtliche Unebenheiten ganz gut weg, aber frische Kuhscheiße und kiloweise Acker auf der Fahrbahn schmälern meinen Drang, das Limit auszuloten. Kurz darauf wird es deutlich besser. Und so versinke ich mit der roten Prinzessin wieder im Flow bis kurz vor Xanten, wo der Verkehr dichter wird. In Xanten folge ich der Beschilderung Richtung Altstadt. Die muss man nämlich gesehen haben. Natürlich besuche ich auch den prachtvollen Xantener Dom und Spende etwas Kleingeld. Inzwischen bin ich aber trotz der Kühle des Doms so durchgeschwitzt, dass ich unbedingt etwas trinken und essen muss. Also suche ich eine Gaststätte auf, von der ich hoffe, nicht enttäuscht zu werden. Der sehr freundliche Kellner im Gotischen Haus Xanten serviert mir ein alkoholfreies Weizen und ein 3-Gänge-Menü, das mich voll überzeugt.

Inzwischen ist in Neuss und Düsseldorf ein richtig dickes Gewitter aufgezogen. Also nutze ich die Zeit und fahre noch etwas durch den sonnigen Niederrhein. Es ist eine schöne Gegend, die für ihren hervorragenden Spargel bekannt ist. Die Straßen sind alle relativ gut einsehbar und es dauert nicht lange, bis ich wieder im Flow bin. So überhole ich bei Tempo 100 eine mit 50 dahintuckernde Harley – Fahrer vermutlich vor Langeweile eingeschlafen – umso spannender auf der Panigale. Als ich auf den Tacho möglicherweise eine Zahl erblicke, die mich den Führerschein kostet, nehme ich wieder etwas Gas weg. Es kommt auch eine stramme Rechts, die ich Vollgas durchfahre. Zum ersten Mal weicht die 959 von meiner gedachten Ideallinie ab. Reserven lasse ich mir immer reichlich, deswegen war es nicht schlimm, aber immerhin fast 20 cm. Die Panigale lenkte dieses eine mal nicht so flugs ein, wie sie es sonst immer tut, brauchte mehr Schräglage als gedacht, denn das Vorderrad war wie festgenagelt und hielt stur an seiner Linie fest. Möglicherweise der härtere Lenkungsdämpfer oder das nicht auf mich abgestimmte Fahrwerk. Versteht mich nicht falsch, ich möchte das jetzt nicht auf’s Bike schieben. Die Panigale 959 ist eine spielend einfach zu beherrschende Rennmaschine – mit den Eigenheiten einer Rennmaschine. Und die muss man erst erlernen. In einer Fastbike-Ausgabe wurde das ungefähr so beschrieben: „Das perfekte Bike gibt es nicht. Fühlt es sich einfach zu fahren an, bist Du zu langsam. Rossi, Marquez und Lorenzo machen das Beste aus Ihren unfahrbaren Scheissteilen.“ Leider weiß ich nicht mehr, welche Ausgabe das war, es ging aber darum, wie man ein Fahrer in der Moto2 wird.

Apropos Rennen. Der neue Schalldämpfer bereitet etwas Eingewöhnung beim Hang-Off in Rechtskurven. Hang-Off fährt man für gewöhnlich mit Fußspitze auf den Rasten, damit die Fußspitze nicht unkontrolliert nach hinten gerissen wird, wenn man zu nah am Boden ist. Die Ferse berührt beim Hang-Off ein ganzes Stück des Schalldämpfers und liegt sogar satt darauf auf. Halt bietet das ja, die Fußposition ist aber reichlich ungewöhnlich. Ebenfalls sehr positiv: Von Lenkerschlagen keine Spur.

In Richtung Winnekendonk fahre ich im Race-Mode über die Dörfer, wo die Panigale so zahm war wie eh und je. Aber aufgrund der stellenweise schlechten Straßen machte sich nun langsam der harte Sitz unangenehm an meinem Popöchen bemerkbar. Auch an den Handgelenken schmerzte es nach den heutigen Tageskilometern und dem Straßenbelag. Das reichte aber nicht, ich wurde noch total fertig gemacht: Auf dem Weg zurück gab es 20 km vor Düsseldorf direkt über mir ein heftiges Gewitter. Mit Starkregen. 5 cm Wasser auf der Fahrbahn. Prima. Da es beinahe stockdunkel wurde, konnte endlich auch das Licht beweisen, dass es diesen Namen verdient hat. Die Ausbeute ist gigantisch und wesentlich heller und besser, als bei meinem Monsterchen. So brachte mich die rote Prinzessin sicher zurück zu Ducati nach Düsseldorf. Dabei ist sie etwas schmutzig geworden. Sorry, Jungs.

Mein Fazit: Wer ein auf der Landstraße einfach zu beherrschendes Superbike sucht, ist hier genau richtig. Im Grenzbereich hat die Duc Ihre kleinen Macken, die erlernt werden wollen. Starker Sound, eine tolle Sitzposition und der „kleine“ Motor ist absolut ausreichend abseits der Rennstrecke. Negativ war lediglich der Bedienkomfort des Cockpits und die Bremse, wo ich einfach direkteres, bissigeres Zupacken gewöhnt bin. Wer noch nie Ducati gefahren ist, sollte sich auch mit der Bedienungsanleitung vertraut machen, bevor es auf die erste große Tour geht. Die ist wirklich gut, sehr informativ und erklärt die Eigenheiten der roten Prinzessin. Zum Beispiel, wo das Fernlicht ist oder mit welchen Knöpfen man die Uhrzeit verstellt.

Bis ins kleinste Detail: Perfekt gearbeitetes Lenkerendgewicht.
Irene hatte sichtlich Ihren Spaß und war von der Panigale hin und weg.
Advertisements

2 Gedanken zu “Panigale 959: Die rote Prinzessin Teil 2 (Fahrbericht)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s