Ratgeber ABS – notwendig oder nicht?

Am Stammtisch brauchen sie alle kein ABS. Dabei hätten mehr als 20 % aller Unfälle mit entsprechendem System verhindert werden können.

Nahezu kein Thema wird so heiß diskutiert wie die Frage, ob ein Motorrad ABS braucht oder nicht. Aber wie sinnvoll ist das Antiblockiersystem wirklich? Text & Fotos: Tobias Vögerl

„Meine Bremse bremst auch ohne ABS stark genug.“ Wie oft ich diesen Satz gehört habe. Doch genau das ist der Irrtum, dem viele unterliegen. Das ABS bremst überhaupt nicht. Im Gegenteil – es löst die Bremse sogar und verhindert, dass der Reifen beim Bremsen blockiert. Das verrät bereits der Name: ABS bedeutet Anti-Blockier-System. Denn ein vollständiges Blockieren bedeutet, dass man über die Bremsung wahrscheinlich bald die Kontrolle verliert – und das ist ziemlich schlecht.

In bestimmten Situationen provozieren Geübte dieses Verhalten – das ist dann ein Drift. Das Heck bricht aus, es fängt zu rutschen an. Dass ein Drift den Bremsweg verkürzen würde, ist ein gefährlicher Trugschluss. Dann kämen Drifter nämlich keinen Meter vorwärts und Ken Block würde im Kreis kotzen, wenn dem so wäre. In der Rallye und beim Driftrennen sorgen Drifts für die richtige Fahrzeugposition vor, während und in der Kurve. Dabei geht es nicht darum, den Bremsweg zu verkürzen, sondern mit maximaler Geschwindigkeit durch die Kurve zu kommen.

Das ABS soll ein Blockieren der Räder während eines Bremsvorganges verhindern. Hierzu vergleichen die meisten Systeme die Geschwindigkeit des sich drehenden Vorderrades mit dem Hinterrad. Stellt das System dabei eine Diskrepanz fest, wird die Bremse ein wenig gelöst, schließt sich kurz darauf aber wieder. Dieses öffnen und schließen geschieht bis zu mehrere Dutzend mal pro Sekunde. ABS-Fahrer nehmen das als rattern, vibrieren oder klackern im Bremsgriff oder in der Fußbremse wahr. So holen moderne Antiblockiersysteme das Maximum aus dem Bremsvorgang. Sowohl Traktion, als auch die Kontrolle beim Bremsen sind weitestgehend gewährleistet.

Wichtiger Fakt: Kein aktuell erhältliches Motorrad verfügt über ein echtes Kurven-ABS. Möglicherweise wird es solche Systeme für Motorräder auch niemals geben. Einfach in eine Kurve reinballern und dann volle Pulle den Anker ziehen ist nicht. Ein Grund dafür ist die Art und Weise, wie wir Kurven fahren und wie die Bremse funktioniert. In Schräglage erreicht ein Motorrad bei weitem nicht so starke Verzögerungswerte, wie bei einer aufrechten Geradeausfahrt. Es kann einfach nicht genug Kraft auf den Reifen wirken, er verzahnt nicht stark genug mit der Straße und rutscht im schlimmsten Fall weg.

Auf Facebook konnte ich die Tage etwas lesen, das mich erstaunte. Allen Ernstes war jemand überzeugt, dass sein Unfall mit ABS tödlich geendet wäre. Bei einer Schreckbremsung mit Tempo 230 sei der Reifen blockiert und verhinderte durch die erhöhte Haftung, dass der Motorradfahrer in das Heck eines mit 80 km/h fahrenden SUV krachte. Dabei habe er beim Bremsen einen 500 m langen Strich gezogen. Das Blockieren der Reifen erzeuge seiner Ansicht nach so viel Haftung, dass er nur wegen der blockierten Reifen 5 cm vor dem SUV zum Halt kam. Mit ABS – so seine Behauptung – wäre er in das Heck gekracht, weil der Bremsweg sich nochmal verlängert hätte. Nun behaupte ich: Mit ABS wäre diese Bremsung etwa die Hälfte kürzer, deutlich stabiler und absolut gefahrlos gewesen.

500 m Bremsweg für 230 km/h auf 80 km/h?  In der Fahrschule haben wir Folgendes zum Bremsweg gelernt: (Geschwindigkeit/10)*(Geschwindigkeit/10)=Bremsweg in Meter. Daraus ergibt sich: (230/10)*(230/10)=529 m theoretischer Bremsweg. Klingt erstmal so, als ob das beschriebene Szenario doch realistisch gewesen sein könnte. Aber: Im Fall einer Gefahrenbremsung halbiert sich dieser Wert auf 264,5 m – und das ist der Wert bis zum Stillstand des Fahrzeugs. Mit meiner S1000RR hätte ich wahrscheinlich nochmal auf 260 beschleunigt und wäre bloß vom Gas gegangen, das hätte auch gereicht. Ganz klar: Der Facebook-Poster hatte sich und sein Motorrad nicht im Griff.

So erklärt sich auch, warum bei 45 % all jener Unfälle, bei denen ein Motorrad alleine – also ohne einen anderen Verkehrsteilnehmer – verunfallt, ein ABS den Unfall verhindert hätte. Mit Fremdbeteiligung immer noch 20 % – also jeder fünfte Unfall. Es steht also fest: ABS rettet Leben und Gesundheit. In modernen Motorrädern ist es ab 2017 sogar ein Muss – und das vollkommen zurecht.

Dieses Thema lässt sich noch durch weitere Punkte ergänzen. Zum Beispiel schlechter Untergrund, Überbremsen und die Schreckbremsung. Diese Themen bespreche ich in einem anderen Beitrag. Der Link dorthin wird hier später ergänzt.

Quellen: ADAC, Facebook

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10 Gedanken zu “Ratgeber ABS – notwendig oder nicht?

  1. ABS ist auf der Straße immer besser. Offroad mit Stollen sieht es anders aus, aber darum geht es hier ja nicht. Wer ernsthaft behauptet dass er ohne ABS besser bremst, der belügt sich selbst oder hat es noch nie ausprobiert. Auf dicke Hose machen hilft im Ernstfall nicht beim Bremsen. Und wer sich auch nur ein Wenig mit der Sache befasst, der kann die ich-bremse-besser-als-ABS-Wichtigtuer nur auslachen.

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  2. ich bin ein wenig verwirrt , denn kurven-abs gibts doch mittlerweile , oder unterliegen wir ner „unterschiedlichen def.“ was ein kurven-abs ist. beispiel „ktm 1190 adventure“ und andere.

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      1. Richtig. All diese Systeme unterliegen aber einer gewissen Toleranz und funktionieren nur auf Straßen mit ausreichend Grip und innerhalb der Werte, für die sie programmiert wurden. Hierzu werde ich in einem späteren Beitrag noch genauer eingehen.

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  3. Ich War auch mal der Meinung,mein ABS habe ich in der rechten Hand. Das war vor 30 Jahren und möglicherweise hätte ich damals EINE Bremsung besser als ein Blockierverhinderer geschafft, aber mit Sicherheit nicht immer. Und wenn man dann mal ABS wirklich gebraucht hat und es hat einen Sturz verhindert,dann stellt sich die Frage gar nicht mehr. Ein klares JA von mir.

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    1. Ich bin genau deiner Meinung. Meine Maschine hat zwar kein ans, aber bei einer Neuanschaffung wird auf alle Fälle drin sein. Die Vorteile sind nicht von der Hand zuweisen. Im Automobilbau gibt es kaum noch ein Auto ohne ESP und den Bremsassistent. Diese drei Komponenten ist es zu verdanken, dass die Räder trotz Gefahrenbremsung in Kurvenfahrt mit eventuellen Gegenlenken größtenteils gute Bodenhaftung haben.

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      1. Danke für den Comment. Die Systeme beim Motorrad und beim Auto unterscheiden sich vom Grund her kaum, im Detail aber massiv. Darauf werde ich aber noch näher eingehen, vielleicht bleibst Du dran oder folgst mir, ich würde mich freuen. Liebe Grüße

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    2. Danke für Deinen Kommentar, Detlef. Da stimme ich Dir voll und ganz zu. Auf der S1000RR habe ich gemerkt, wie oft das ABS beim etwas schnelleren Fahren auf der Straße eingreift. Aber ich hatte auch die Hypersportreifen drauf. Trotzdem war ich oft überrascht, denn es griff häufiger ein, als ich dachte. Und ich bin die fast nur im Race-Mode gefahren, wo es eh schon spät greift.

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  4. ich hab vor jahren bei nem fahrertraining den versuch mal gestartet gegen ne k75 von bmw (war wohl eines der ersten abs mopeds) , und dem hab ich bei 80kmh sicher 8 oder 10 m abgenommen mit ner guzzi quota auf m vordderad . aber gegen heutige abs verlängern den bremsweg nur minimal gegenüber optimalen bedingungen , und der vorteil bei ner schreckbremsung ist einfach nicht weg zu diskutieren.

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