Tour zum Niederrhein

Schöne, erhaltene Mühle bei Winnekendonk. Foto: SR

Für viele Motorradfahrer gibt es nichts schöneres, als eine gemütliche Tour. Die Gegend erkunden, sanft am Gas ziehen und dem Bollern des Motors zu lauschen ist wie Balsam für die Seele. Dass es nicht nur im Ausland schöne Reiseziele gibt, sondern auch hier in Deutschland viele wunderschöne Flecken auf Entdeckung warten, wissen nur Wenige. Text: Tobias Vögerl Fotos: Tobias Vögerl, SR

Vom Neusser Zentrum aus startete mein Weg grob in Richtung Moers. Natürlich nicht über die A57, die mich dort zielgenau hinführen würde, sondern über die Landstraße. Dass das ein Fehler war, ist mir zu dem Zeitpunkt noch nicht klar gewesen. Mitten durch den Einkaufsverkehr, hunderte rote Ampeln und Sonntagsfahrer, die es in der 30er-Zone noch schaffen, 15 km/h zu langsam zu fahren. Hätte mir klar sein müssen, wenn man das Navi – in meinem Fall ein TomTom Rider 400 EU Premium – die Tour planen lässt und man nur die Wegpunkte eingibt. Hat  zwar nur fünf Minuten gedauert. Trotzdem mache ich das so nie wieder. So eine unausgegorene Streckenführung habe ich noch nie erlebt. Statt simpel geradeaus zu fahren, leitet mich das TomTom im Zickzack in Nebenstraßen an der Hauptstraße entlang. Absolut umständlich, schrecklich und unnötig. Frage an TomTom: Warum lasst Ihr Euch von und Motorradfahrern bei der Entwicklung der Routen nicht helfen? Spannende Routen wissen wir zuhauf. Siehe zum Beispiel die kostenlose XML-Bibliothek der Zeitschrift „Motorrad“. Stattdessen vertrauen wir auf die Technik. Schade eigentlich.

Bitte nicht falsch verstehen, das Rider 400 ist ein mega gutes Navi. Es ist ausreichend flott, übersteht es ohne Kratzer, auf harten Asphalt fallen gelassen zu werden und ist wasserfest. Touren plant man damit aber besser nicht. Geht halt nix über erkundigen, recherchieren und Wegpunkte an interessanten Strecken festlegen.

Als der harte Teil der Tour endlich zurückgelassen wird und die Landschaft ländlicher zu werden beginnt, fällt endlich auch die Anspannung von mir ab, die im dichten Verkehr stetig zugenommen hatte.

Kurz nach Moers der Blick auf den Kilometerstand: Nicht mal 50 Kilometer auf der Uhr, enttäuschend. Durch die vorherige Abbiegerei und roten Ampeln habe ich aber viel Zeit verloren. Plötzlich führt mich das Navi eiskalt auf eine für Motorräder eigentlich nicht zugelassene Strecke. Egal, Feldwege sind meistens geil und solange man vernünftig fährt und Rücksicht auf Pferde (anhalten), Wanderer (winken) und Jogger (untertourig vorbei fahren und bloß nicht durch laute Auspuffgeräusche erschrecken, manche kurz vor Kreislaufzusammenbruch) nimmt, ist zu 100 % alles gut. So geht es dahin, links und rechts durch die Pampa grob in Richtung Xanten. Vorbei an goldgelben Weizenfeldern, manche bereits abgeerntet, und meterlangen Versammlungen von Pferdeäpfeln, manche noch ganz frisch, macht es endlich richtig Spaß zu fahren. Schneller als 50 fahre ich auf Feldwegen eh selten. Nur wenn ich wirklich alles überblicken kann, wird es auch mal schneller. Und selbst dann kann noch ein lebensmüder Hase urplötzlich irgendwo raus geschossen kommen – that’s life. Also lieber etwas vorsichtig.

Das Fahrwerk der BMW R1200GS (13000 km, Erstzulassung 2005 und genauso alt ist der Reifen) bügelt einfach alles glatt. Nur noch schnelle, harte Stöße spüre ich als solche. Aber das ist eine Dämpfer-Einstellung. Stelle ich die Tage hinten mal die High-Druckstufe einen Tick weicher, dann sollte das geschmeidiger sein. Und überhaupt: Der Motor der alten Luft-/Öl-gekühlten GS ist mit 98 PS ein Traum. Das Beste aber ist der Klang, der aus dem frisch polierten Auspuff kommt. Wie eine 110 PS-GS (TÜ) mit Akrapovic-Anlage, nur nicht ganz so laut. Dafür etwas dumpfer. Fast jedesmal wenn ich etwas Gas weg nehme, sprotzt es vergnüglich aus den beiden Rohren, dass es eine wahre Freude ist. Hach, schön ist sie, meine kleine Rennkuh.

Auch ohne Tranktionskontrolle toll beherrschbar: BMW R1200GS

Als es dann wieder auf befestigte Straßen geht, ist der Niederrhein schon deutlich zu erkennen. Die Gegend ist flach, meiner Meinung nach nur um Xanten mit deutlichen Höhen und Senken. Die Landwirtschaft hat ihre Spuren auf der Straße hinterlassen, der Weizen ist goldgelb und überall wird gerade geerntet. Es duftet herrlich nach frischen Blumen, der ländliche Geruch meiner Kindheit umspielt meine Nase. Bin ich ja selbst ein Landei und in Bayern aufgewachsen. Grün und Gold sind die Farben dieser Jahreszeit.

In Xanten angekommen habe ich Durst und Hunger. Also fahre ich durch die Altstadt und genehmige mir etwas zu essen in der Gaststätte „Zur Börse“. Neben einem alkoholfreien Weizen bestelle ich einen Espresso, eine Tomatensuppe, mit Käse überbackenen Spinat und einen Apfelstrudel mit Vanilleeis. Beim Essen habe ich Gelegenheit, die Innenstadt von Xanten mit ihren Jahrhunderte alten Häusern genauer zu betrachten. Ein Kleinod, das der Erhaltung wirklich würdig ist und ich stelle mir die Frage, wie das Marktleben vor 200 Jahren hier wohl ausgesehen haben mag.

Marktplatz von Xanten mit Blick auf das Gotische Haus

Auch bei dieser Tour besuche ich den Xantener Dom. Wenn man in Xanten ist, sollte man unbedingt auch den Dom besichtigen. Neben so einigen Kunstschätzen sind dort Teppiche aus dem 13. Jahrhundert ausgestellt. Besonders schön sind die Glaskunstwerke in den Fenstern des Doms, der gerade zum Teil renoviert wird.

Ehrwürdiger Altar im Xantener Dom

Unter dem Dom befindet sich eine Krypta, die an die Gräuel der NS-Zeit erinnert. Die Geschichte der dort gedachten Menschen ist traurig. Man kann sich denken, wo der Weg all jener endete, die anders dachten als die grausamen Nazis und dies öffentlich vertraten. Vergast und verbrannt. Nach dem Ausflug in die Dunkelheit der deutschen Geschichte sollte der Kreuzgang aufgesucht werden. Ein heller, schöner Rundgang mit vielen Blumen und mit dieser Lebensfreude ein starker Kontrast zur Krypta. Bedauerlicherweise hat das Museum gerade geschlossen, so dass dieses nicht besichtigt werden kann.

Nach dem Besuch der Krypta erstmal raus.
Kreuzgang im Xantener Dom

Da es schon spät wird und ich nur das dunkle Visier mit habe, wird es nun langsam Zeit für den Heimweg. Dieser führt durch die weite Landschaft über die umliegenden Dörfer. Eine schöne Kurve reiht sich hier an die andere und die Gegend huscht vorbei. Zeit zum entspannen bleibt immer mal wieder hinter ein paar Traktoren.
Bald ist die Tour dann auch schon wieder zu Ende. Zurück bleiben schöne Erfahrungen und ein Stück der dunklen, deutschen Geschichte.

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