Offroad mit BMW R 1200 GS und S 1000 XR

Reiseenduro. Was für ein seltsamer Name für eine Motorrad-Kategorie. Für vielleicht die aktuell meistverkauften Motorräder in Europa. Aber Hand auf’s Herz – wer benutzt die Dinger überhaupt noch als Enduro? Und warum benutzt die niemand mehr als Enduro? Sind sie inzwischen zu groß und vor allem zu fett geworden? Die neue wassergekühlte GS wiegt immerhin fast 30 kg mehr als meine GS von 2004. Liegt es daran? Mit diesem und den nächsten Beiträgen gehe ich dieser Frage nach. Text: Tobias Vögerl, Fotos: Tobias Vögerl, Frank Catalfamo

An einem schönen Sonntagmorgen trafen wir uns mit unseren BMWs Offroad in der Nähe des Tagebau Jüchen. Ausgestattet mit zwei R 1200 GS und einer S 1000 XR wollten wir testen, wie weit wir uns ins Gelände wagen. Die Woche davor hatte ich bereits alleine probiert, was meine Rennkuh – das ist der inzwischen gängige Spitzname für alle GS – in grobem Gelände kann. Mit Unterstützung durch meine beiden Begleiter und angepasster Ausrüstung traute ich mir nun im Vorfeld bereits mehr zu, als beim letzten Versuch.

Zur angepassten Ausrüstung gehören unbedingt die Koffer an der GS. Diese dienen nicht nur als Stauraum, sondern auch und vor allem als Umfallschutz. Echt genial und super stabil die kleinen Dinger. Dazu wasserfeste Schuhe, Spanngurte und definitiv eine Textilkombi. Denn Leder braucht zu lange zum Trocknen und ist zu schade, um von Dornen aufgerissen zu werden. Zusätzlich hatte ich noch Brillenputztücher, eine Rolle Papiertuch und Scheibenreiniger eingepackt.

Die Originalbereifung in Form des Metzeler Tourance hatte ich schon vor einiger Zeit gegen den Nachfolger Tourance Next ersetzt. Das ist ein Reifen, der sich hauptsächlich für die Straße und Schotter eignet und weniger oder überhaupt nicht für glitschige, tiefe Matschlöcher. Der Tourance Next war auch auf der zweiten R 1200 GS montiert, einem „Triple Black“ genannten Sondermodell. Im Gegensatz zu meiner verfügte die über ESA, Offroad-ABS, Traktionskontrolle und all die hübschen Elektronikspielereien über die alle herziehen, die noch nie damit gefahren sind. Die S 1000 XR mit dem Superbike-Motor war ähnlich ausgerüstet und kam auf Bridgestone Battlax Sport Touring daher, hat aber kein Offroad-ABS. An den Reifen erkennt man bereits eine Tendenz, die sich nicht unbedingt für ganz grobes Gelände abzeichnet. Trotzdem, wir waren fest entschlossen, es zu wagen.

So trafen wir uns in Jüchen und nach einem kurzen Briefing fuhren wir direkt los in Richtung des Tagebau. Der Einstieg ins Gelände ist an dieser Stelle auch direkt eine kleine Herausforderung. Über Kieselsteine, die Lose auf kaputtem Asphalt liegen eine Kurve entlang eines matschigen Waldweges. Der abrupt auf Schotter wechselt, einer zweiten Kurve mit leichter Steigung folgend auf freies Gelände an riesigen Äckern vorbei unter monumentalen Windrädern hindurch. Drei große Bikes, die in dieser Szenerie kilometerweit auf Schotter dicke Staubwolken hinter sich her ziehen – ich muss schon sagen, das sieht echt genial aus. Wird Zeit für eine GoPro, um solche Momente endlich festhalten zu können.

 Nach ein paar Kilometern erreichten wir eine steile, enge Kurve. Von dort fuhren wir über eine kleine Verwerfung auf einen Waldweg, durch ein Gestrüpp und kurz darauf steil bergab, über uns das Blätterdach. Da meine Begleiter in diesem Terrain noch nicht gefahren sind, legten wir nach diesem Einstieg eine kurze Pause ein und besprachen das Erlebte. 

„Macht unglaublich Spaß“ und „Hammer“ ist der einstimmige Konsens nach den ersten Metern.
Trickreicher Untergrund: Sieht einfach aus, ist aber stellenweise glatt wie Eis.

Zu Fuß liefen wir nun die in etwa zweieinhalb bis drei Kilometer lange Strecke ab. Dies gab uns auch Gelegenheit, unsere Vorgehensweise gemeinsam zu besprechen und jeder machte sich einen Plan, der seinem Können entsprach. Weiter über den Waldweg wollten wir unter dem eng stehenden Blätterdach der Bäume zwischen Sträuchern und Gestrüpp über ein dickes Wasserleitungsrohr springen, durch ein dicht stehendes Wäldchen, aus dem Wäldchen heraus über Schotter durch eine Schlammpfütze oder daran vorbei, um auf der Rückseite eines Stromverteilergeländes eine Erholungspause einlegen. Mit frischer Energie sollte es daraufhin durch ein etwa 30 bis 40 m langes Matschloch mit fünf verschieden großen, tiefen Pfützen. Im Skifahrer-Jargon wäre das die schwarze Piste. Der Schlußteil führt dann über Schotter und Waldweg zu einem weiteren Wasserleitungsrohr vor einer Bewässerungsanlage. Hier wollten wir umdrehen und auf den nebenan liegenden Feldweg, der uns geradewegs zurückbringen würde.
So weit der Plan, Zeit für die Umsetzung. Nervöse Vorfreude machte sich in mir breit. Frank fuhr als Erster los. Sein Sprung über das Wasserleitungsrohr, für den wir kurze Holzplatten gefunden und präpariert hatten, war zu langsam und die GS setzte hart mit dem Unterbodenschutz auf, der sich natürlich verbog. Hans als Zweiter auf seiner S 1000 XR hatte leider noch weniger Glück, setzte komplett auf und steckte fest. Zusammen schafften sie es aber, die 1000er zu befreien. Bereits der Start durch das Gebüsch gelang mir sehr gut und mit einem satten Sprung über das Rohr der Wasserleitung stand ich hinter den Beiden.

Den Tag zuvor hatte es geregnet, der Untergrund war übersättigt und die Strecke stellenweise rutschiger als noch vor einer Woche. Es lag also an uns, etwas vorsichtiger zu sein.  Gott sei Dank nicht überall, so dass wir dennoch gut voran kamen. Im Waldstück mit den eng stehenden Bäumen fuhren wir sehr langsam und vorsichtig. Die Äste hingen so tief, dass wir die Köpfe daran vorbei und darunter hindurch bewegen mussten. Wahnsinn, wie meine dicke Rennkuh sich mit den Koffern da durchgeschlängelt hat. Stolz auf mein Motorrad fuhr ich den Wald entlang an einer tiefen Pfütze vorbei, durch die zuvor Hans gefahren und heftig weggerutscht ist, auf die Rückseite des Stromverteilergeländes. „Ich wollte gar nicht da rein fahren, aber irgendwie bin ich geradewegs in die Pfütze“ beteuerte er. „Schau mal, Du fährst immer da hin, wo Du hinsiehst,“ sagte ich. „Kann es sein, dass Du in die Pfütze geguckt hast, und nicht auf die Strecke daneben, wo Du eigentlich fahren wolltest?“ Er grübelte darüber nach.

Von oben nach unten: Hans am Eingang ins Waldstück, meine Rennkuh schlängelt sich elegant durch den Wald, man muss sich ducken, um unter den tief hängenden Ästen zu manövrieren

Obwohl es gerade mal vom Start weg ein Kilometer war, das Stück bis hierhin war fordernd – mental, als auch körperlich. Während die Beiden das tiefe Matschloch nun auslassen wollten, packte mich mein Ehrgeiz. In der Woche zuvor war ich beim Antesten hier abgerutscht und meine süße Rennkuh von einem Wasserloch ins darunter liegende, tiefere Wasserloch gerutscht, so dass es sie fast umgeschmissen hätte. Zehn Minuten brauchte ich bestimmt, um da alleine wieder raus zu kommen – mit den Stiefeln fast knietief in Wasser und Matsch versunken. An dieser Stelle einmal ein dickes Lob an Daytona: Obwohl die Stiefel nicht sonderlich hoch sind und auch nicht besonders fest geschnürt werden, hatte ich trockene Füße. Ja, die Knöchel waren nass, aber dass der Fuß trocken bleiben würde, hatte ich nicht erwartet. Dieses Mal kam ich aber aus der anderen Richtung. Vorsichtig tastete ich mich Meter für Meter an den Wasserlöchern vorbei. Es schien alles gut zu gehen. Plötzlich rutschte der nass gewordene Reifen ab, das Heck glitt zur Seite, fiel einen halben Meter hinab und blieb im tiefen Matsch stecken – während das Vorderrad noch gut einen halben Meter höher stand, nichts ging mehr – ein Bild für Götter. Lachend schaltete ich den Motor aus, stieg ab – und die GS blieb einfach stehen. Einfach so. Gemeinsam überlegten wir, was wir tun sollten. Das Heck steckte so tief fest, da war nix zu machen, es rührte sich keinen Millimeter. Also hieften wir die Front ebenfalls runter und schoben die GS mit vereinten Kräften raus, während ich kräftig Gas gab. Zentimeter für Zentimeter gelang es uns, bis die Kuh sich endlich vom Schlamm losreißen konnte. Erschöpft musste ich mich erstmal sammeln. Vor mir lagen noch drei solch Wasserlöcher. Aber aufgeben? Nicht heute. Präzise musste ich weiter fahren, während Hans mich durch die besonders schwierigen und engen Stellen navigierte. Ein echt geiler Moment, dieses Teamwork, dieser Ehrgeiz, der uns gepackt hatte. Die Rennkuh würde das schaffen, nur nicht aufgeben, nur nicht stürzen. Als ich die Stelle endlich passiert hatte, war ich aber mal so richtig erleichtert.

Nach dieser Strapaze ging es weiter zum Schlußteil, dem zweiten Sprung über das Wasserrohr. Erneut hatte Hans mit seiner S 1000 XR Schwierigkeiten, während Frank einen ordentlichen Satz hinlegte. Wieder fuhr ich als Letzter, dieses mal hatte ich eine andere Taktik. Langsam und ruhig wollte ich drüber, erst sanft die Vorderhand, dann mit einem kleinen Hauruck die Hinterhand der Rennkuh. Geschafft.

Frank’s Satz über das Rohr der Wasserleitung war ordentlich. Beim Sprung zuvor verbeulte noch der Unterbodenschutz, dieses mal ging alles glatt.
Zufriedene, aber erschöpfte Gesichter.
Da ist einiges an Putzarbeit angesagt. Frank hat seiner R 1200 GS noch einen Akrapovic-Auspuff verpasst. Der Sound ist satt, kernig und bassig – ohne zu laut zu sein.
Die Front der S 1000 XR macht schon einiges her. Die LED in der Mitte kosten zwar Aufpreis, sehen aber sehr stylisch aus und sind richtig hell. Auch zu sehen ist die herkömmliche Upside-Down-Gabel von Sachs und der Lenkungsdämpfer. Im Vordergrund ist die R 1200 GS „Triple Black“ noch mit Zusatzscheinwerfern von Touratech.

Nach diesem Ausflug war ich richtig Stolz auf uns, auf die Teamleistung. Den Aspekt, den des Teams, hatte ich ohne dieses Offroad-Erlebnis zuvor noch nicht in diesem Maße gekannt. Klar, man trifft sich, man fährt miteinander und quatscht. Aber das ist etwas ganz anderes. Das sind Welten. Ohne die Zwei hätte ich es alleine niemals geschafft. Viele Motorradfahrer sind – möglicherweise zwangsweise, weil sie keinen kennen – Einzelgänger. Aber auch das – oder gerade das – ist Motorrad fahren: Zusammenhalt, Gemeinschaft, Hilfsbereitschaft und Teamwork. Und deswegen meine Bitte: Geht raus. Raus ins Gelände. Schnappt Euch Freunde oder Bekannte. Ihr werdet merken, wie nicht nur Euer Können mit jedem Meter wächst, sondern auch Euer Teamgeist, Eure Freundschaft und das Vertrauen zueinander.

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2 Gedanken zu “Offroad mit BMW R 1200 GS und S 1000 XR

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