Hast Du noch Angst oder fährst Du schon?

Da saß ich nun. 17 Jahre jung, tränenverschmiertes Gesicht, ein gebrochenes Herz. Die Ablehnung eines anderen Menschen war kaum zu ertragen. Und dann hörte ich wie durch Zufall dieses Lied, in dem es hieß: „Setz dich über die Angst weg, sie hat gar keinen Zweck, außer sich zwischen dich und dein Ziel zu stellen“. ‚Wo Komm Ich Her‘ von Xavier Naidoo. Wer mich kennt weiß, ich kann fürchterlich vergesslich sein. Aber diese Verse brannten sich bis heute in mein Gedächtnis. Denn ich begriff: Angst ist nichts Surreales. Ab diesem Tag wurde sie für mich zu etwas, was ich definieren und mir somit erklären konnte.

dscf3789nikwz-kopie

 

Wer mich mit meinem Motorrad sieht, kann sich wohl kaum vorstellen, dass ich bereits Momente hatte, in denen ich am Liebsten alles hingeschmissen hätte – und damit meine ich nicht das Motorrad ;-). Momente, in denen mich die Angst vor dem eigenen Versagen übermannte. Momente, ich denen ich dann zweifelte, ob ich das Motorrad fahren jemals ohne innerlichen Druck würde genießen können. Denn mein eigener Anspruch schien unermesslich groß. Ihm nicht (immer) gerecht werden zu können, rief schließlich genau das hervor, was beim Motorrad fahren blockierend wirken kann: Angst. Das ist ein Teufelskreis.

Natürlich war es von Anfang an mein freier Wille, Motorrad zu fahren. Keiner zwang oder zwingt mich dazu. Aber was andere in meinen Augen auf Anhieb in Perfektion beherrschten, mochte mir beim zweiten oder dritten Anlauf (unvorstellbar!) noch immer nicht gelingen. Ja – so habe ich tatsächlich manchmal gedacht. Was ich dabei übersehen habe? Im Prinzip nichts. Mir wurde aber klar, selten kommt etwas von allein. Wenn ich etwas will, dann muss ich dafür kämpfen und an mir arbeiten. Ich akzeptierte also die Angst als Teil von mir und gab meinem Urvertrauen so viel Luft, dass ich niemals vergaß, warum ich überhaupt mit dem Motorrad fahren angefangen habe.

Wie weggeblasen waren mit dieser Erkenntnis Perfektionismus, Angst, Zweifel und Ungeduld. Keine kleinkindtrotzigen Rückfälle mehr, juhu! Schön wär´s! So sind wir Menschen leider nicht gestrickt. Wir können zwar viele gute Vorsätze haben, doch diese auch in der Realität umzusetzen, ist nicht selten ein schwerer Weg.

Diesen Weg bin ich gegangen und habe viele Zweifel mir selbst gegenüber ausräumen können. Aber auch heute habe ich noch Momente, in denen ich anderen Menschen oder mir selbst sogar die Chance lasse, meine Versagensangst auflodern zu lassen und für einen kurzen Moment zu glauben, ich würde nicht gut genug Motorrad fahren. Und das trotz vieler positiver Erfahrungen. Denn was bedeutet überhaupt gut genug? Bedeutet gut genug, anderen oder eben nur mir selbst gerecht werden zu müssen? Wie würde Deine Antwort lauten, wenn es um Dich ginge?

Mittlerweile glaube ich, wenn wir begreifen, dass unsere Angst vielleicht einfach nur dazu da ist, uns aus der Reserve zu locken, könnte sie uns zeigen, dass wir stärker sind als wir annehmen. Wir könnten diese Angst als Kraft nutzen. Drehen wir den Spieß doch einfach um! Nutzen wir den scheinbar schweren Weg, um an ihm zu wachsen und uns selbst eines besseres zu belehren.

Denn ich will puren Spaß am Motorrad fahren haben. Gefahren ausgesetzt sein ist immer echt und real. Meine Angst möchte ich dabei immer an meiner Seite wissen, als Ausdruck für Demut und Vernunft. Mich von ihr beherrschen lassen möchte ich dagegen nicht. Übertriebene Angst vor Gefahren zu haben ist meiner Meinung nach eine Entscheidung. Eine Entscheidung gegen das Vertrauen, welches wir uns selbst gegenüber haben sollten. Eine Entscheidung, uns von der Erreichung unserer Ziele abhalten zu lassen. Mut ist nicht, keine Angst mehr zu verspüren, sondern sie zu überwinden und es trotzdem zu wagen.

Eines ist bei allem Ehrgeiz aber unheimlich wichtig: Wir sollten uns niemals unserer Maschine überlegen, sondern ihr ebenbürtig fühlen. Denn ich glaube, den Respekt zu verlieren ist das Schlimmste, was passieren kann. Angst würde mich davon abhalten, die Motorradfahrerin zu werden, die ich sein kann. Die ich heute noch nicht – aber eines Tages – bin. Der nötige Respekt macht mich zu ihr. Meter für Meter. Kurve für Kurve.

Viele Grüße

Marie von http://www.motorradmieze.de

Foto: noirjn & lyra

Advertisements

Ein Gedanke zu “Hast Du noch Angst oder fährst Du schon?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s