Erfahrungsbericht Schuberth S2 Sport

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Der Schuberth S2 Sport nach eineinhalb Stunden durch Wald, Feld und Flur. Das iridiumfarbene Visier ist ein echter Eyecatcher.

Seit über eineinhalb Jahren fahre ich den Helm „S2 Sport“ von Schuberth. Über 20.000 Kilometer und mehrere Wochen Tragezeit haben der Helm und ich hinter uns. Zeit für ein Resümee. Text & Fotos: Tobias Vögerl

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Wirkt ein wenig wie ein Ritterhelm durch die tief gezogene Kinnpartie.

Was mir beim ersten Anblick desS2 Sport sofort ins Auge sprang war die lang wirkende und irgendwie scharf geschnittene Kinnpartie mit dem unteren Spoiler. Irgendwie ähnelt der S2 Sport dadurch einem Ritterhelm. Nachdem ich die einschlägigen Tests alle gelesen hatte und Für und Wider unzählige Male abgewogen hatte, entschied ich mich kurzentschlossen dazu, den Helm bei Polo Motorrad in Jüchen zu kaufen. Diese Entscheidung habe ich bis heute nicht bereut, auch wenn der S2 Sport nie zu 100 Prozent zu meinen Motorrädern passte.

Damals fuhr ich noch mein Monsterchen, eine BMW S1000RR. „Monsterchen? Vollkommen falscher Name. Das ist kein Monsterchen, das ist ein Monster.“ merkte meine Freundin in einer Mischung aus Empörung und Verzückung an, nachdem wir zu zweit mit GPS-gemessenen 267 km/h über die deutsche Autobahn gekachelt sind (übrigens: jetzt noch Ihr Topspeed-Rekord auf selbstgefahrenen Fahrzeugen). Und zum deutschen Motorrad – meine anthrazitfarbene BMW S1000RR wurde 2009 in Berlin gefertigt – passte auch der deutsche Helm hervorragend. Schuberth stammt ja aus Magdeburg.

Meinen Vorgängerhelm hatte ich vor mehreren Jahren auch bei Polo gekauft. Ein Nexo irgendwas Comfort Air soundso. Der Nexo lag super im Wind, sowohl auf meiner Aprilia RS125, als auch auf der Doppel-R, war aber extrem laut. Und mit extrem meine ich wirklich brutal laut. So laut, dass mir nach so mancher Fahrt die Ohren von den Windgeräuschen klingelten. Und natürlich vom Reihen-Vierzylinder der S1000RR. Wie das Ding unter Volllast brüllt… Dieser herrliche F1-Sound, nicht unähnlich der Klangkulisse der F1-Boliden der 12-Zylinder-Ära, die nur noch meine Generation kennt. Meine erste Fahrt mit dem Schuberth war also für mich eine wahre Kur. Bis 50 km/h gab es nahezu überhaupt keine hörbaren Windgeräusche, erst ab 160 fing es an, laut zu werden, um bei 260+ im Crescendo des 4-Zylinders zu enden.

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Kinnbelüftung in geöffneter Stellung. Auf der GS ist das die Ursache für massive Windgeräusche. Abhilfe schaffte nur eine andere Frontscheibe, bei der der Wind nicht mehr direkt auf die Öffnung trifft.

Aber: Meine Alpinestars-Lederkombi hat auf dem Rücken keinen Höcker. Bereits ab 190 km/h gab es einen derartigen Luftsog, dass es mir den Schuberth fast vom Kopf zog. Das war ungewöhnlich. Vor allem, da dieses Phänomen nicht auftrat, sobald ich mit meinem Rucksack fuhr (von The North Face, hält vollbeladen locker 300 km/h auf dem Moped aus). Ohne Rucksack wurde der Helm schwer vom Wind gebeutelt und es traten Mikrovibrationen auf. Die waren so stark, dass ich kaum noch etwas durch das Visier erkennen konnte, da es stark vibrierte. Ob der fehlende Höcker oder das Helmdesign selbst daran Schuld sein könnten ist mir schleierhaft. Schuberth hat ja eigentlich eine der besten Aerodynamik-Anlagen weltweit. Vermutlich ist es eine Mischung aus beidem, da der Helm als „sportlicher Tourenhelm“ konzipiert ist. Bedingte Abhilfe schaffte die MRA Racingscheibe, die die Geschwindigkeit bei der dieses Phänomen auftrat nach oben schraubte und hinter der ich mich natürlich ausgiebig verstecken konnte. War ich komplett hinter der Scheibe, traten auch diese Verwirbelungen oder Vibrationen nicht mehr auf.

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Auch wenn das Visier, wie hier zu sehen, nicht ganz geschlossen ist, verursacht es auf der GS heftigste Windgeräusche.

Schuberth baut eng zugezogene Helme mit einer hervorragenden Schalldämpfung. Das macht sich beim aufsetzen des Helms bemerkbar. Der Einstieg gestaltet sich für einen breiten Kopf schwierig und am Anfang habe ich mich des öfteren am Doppel-D-System verletzt. Einmal so stark, dass es ein wenig geblutet hat. Das möchte ich aber nicht auf den Helm schieben. Aber darauf, dass es mein erster Helm mit Doppel-D-Verschluss gewesen ist und ich mich daran erst noch gewöhnen musste. Im Doppel-D sehe ich zudem deutliche Sicherheitsvorteile im Vergleich zu anderen Schließmechanismen. Das macht das etwas schwierigere Handling für mich erträglich. Nach wie vor nehme ich den Helm aber ungern ab und setze ihn genauso ungern auf. Das führt dazu, dass ich schon mal vor Tankstellen draußen stehen bleiben muss, bis ich den Helm abnehme. In der Tat genau so schon mal passiert.

Inzwischen fahre ich fast täglich auch im Winter mit dem Motorrad zur Arbeit. Allerdings nicht mehr mit der Doppel-R, sondern mit einer BMW R1200GS. Wobei man in den hiesigen Gefilden den Winter nur müde als solchen belächelt, ist er nur ein ganz billiger Abklatsch der Winter meiner Kindheit. Aber da wohnte ich auch noch in Bayern und nicht in NRW.

Auf der GS habe ich jetzt andere Unannehmlichkeiten mit dem S2 Sport. Durch meine Körpergröße von 1,82 Meter liegt die Luftabrisskante der originalen Frontscheibe auf Höhe meines Kinns. Dadurch entstehen massive Luftgeräusche bei geöffneter Kinnbelüftung oder nicht ganz geschlossenem Helm. Massiv, dominant und bassig knallt der Fahrtwind auf die Belüftung. Auch hier konnte ich mir abhelfen: Die für mich ungünstige, originale Frontscheibe meines Rennelchs habe ich durch eine Zubehörscheibe von GIVI namens „Air Flow“ ersetzt. Seitdem treten diese Windgeräusche nur noch selten auf.

Zu Beginn und auch jetzt noch nach eineinhalb Jahren Tragezeit ist der Helm vom Gesamteindruck sehr hochwertig. Abnutzungserscheinungen gibt es kaum, außer den üblichen Gebrauchsspuren, die nach mehreren Jahren Benutzung einfach dazu gehören.

Als Zubehör für den Helm habe ich mir noch das iridiumfarbene Visier gegönnt. Meiner Meinung nach sieht das Visier mega geil aus, hat aber kleinere Nachteile bei wechselnden Lichtverhältnissen. Meine Augen haben zum Beispiel in der Eifel bei viel Sonnenschein Probleme damit, zwischen sonnenhellen Straßen und tiefdunklen Wäldern schnell umzuschalten. Es dauert dann einen kleinen Moment, bis ich mich daran gewöhnt habe. Inzwischen hat Schuberth laut Website diesen Farbton aber nicht mehr im Programm.

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Macht überall eine gute Figur: das iridiumfarbene Visier.

Fazit

Die Suche nach dem besten Motorradhelm gestaltet sich schwierig. Der Schuberth S2 Sport bekommt diese Trophäe leider nicht. Trotzdem ist er ein guter, sicherer und komplett in Deutschland gefertigter Helm. Made in Germany steht in diesem Fall für herausragende Qualität.

Top:

+ Verarbeitung
+ Qualität
+ viele Sicherheitsfeatures
+ Sonnenblende
+ viele verschiedenfarbige Austauschvisiere
+ Visiere sind in Sekunden zu wechseln
+ hohe Wertigkeit
+ gute Aeroakustik
+ gutes Gewicht
+ Doppel-D-Verschluss

Negativ:

– Sonnenblende leicht wackelig
– ungünstiger Luftstrom bei geschlossenem Visier trocknet die Augen aus, besonders negativ für Träger von Kontaktlinsen
– bei hohen Geschwindigkeiten starke Vibrationen durch Luftverwirbelungen möglich
– bei ungünstiger Motorrad- oder Frontscheibenkonfiguration massiv störende Windgeräusche bei geöffneter Kinnbelüftung
– bei ungünstiger Motorrad- oder Frontscheibenkonfiguration massiv störende Windgeräusche bei nicht ganz arretiertem Visier
– hohe Kosten für Visier inklusive Pinlock

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